Betreff: Beratung Krisenfrüherkennung


Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Interesse habe ich vernommen, dass Sie Hilfe benötigen bei der Früherkennung von Krisen in den Ländern dieser Welt, idealerweise 18 Monate im Voraus.
Es wird gemeldet, dass Sie bereit sind, dafür Millionen Euro im mittleren zweistelligen Bereich auszugeben. Nur für die Beratung und Vorbereitung.

Gerne möchte ich Ihnen meine Dienste zur Verfügung stellen und das zu einem Bruchteil der angepeilten Kosten. Der deutsche Bürger und Steuerzahler wird begeistert sein, wieviel Erkenntnisgewinn ich Ihnen für wenig Geld anbieten kann.

Für nur 100.000 (einhunderttausend) Euro pro Jahr werde ich mich jeden Abend eine Stunde zeitunglesend und gegebenenfalls im Internet recherchierend zurückziehen und Ihnen regelmäßig Bericht erstatten, falls eine internationale Krise erkennbar ist, die den Außeneinsatz unseres deutschen Militärverbundes notwendig macht.

Um Sie zu überzeugen, biete ich Ihnen mit diesem Schreiben an, meine Kompetenz zu überprüfen, indem ich gratis und in vorauseilendem Gehorsam schon einmal die wichtigsten POIs (points of interest) skizzieren werde. Wenn Sie unbedingt wollen, können Sie natürlich wieder Millionen von Steuergeldern ausgeben, um meine Erkenntnisse von Global Playern im Beratungs-Biz überprüfen zu lassen, aber ich denke, dass es in Ihrem Haus auch interne Kräfte gibt, die sich kompetent mit dem Folgenden auseinandersetzen können:

  1. Russland und China
    alle militärischen Interessen von Russland und China sind für uns nicht von Belang.
    Unsere Strategie: Einmischung untersagt.
    Damit fallen gleich schon mal zwei Drittel der Erdoberfläche aus unserem Radar.

  2. Afrika
    Hier bekämpfen sich Stammeskrieger und deren Warlords wegen Ehre, Rohstoffen und natürlich viel Geld. Wir könnten uns als ehemaliger Kolonialherr zwar einmischen, das würde aber nicht viel zur Verbesserung der Gesamtsituation beitragen.
    Unsere Strategie: Abwarten.
    Ganz Afrika wird zur Zeit aufgekauft von China, Ölscheichs und privaten Investoren.
    Diese werden über kurz oder lang Wege finden, ihr neues Eigentum zu schützen.

  3. Jemen
    Der sogenannte Krieg in Jemen ist eher ein Scharmützel. Je nach Bericht sind in drei Jahren gerade einmal 10.000 bis 60.000 Tote zu beklagen. In den USA sterben jedes einzelne Jahr mehr Menschen an legal erhältlichen Drogen und dagegen unternimmt auch niemand etwas.
    Unsere Strategie: Raushalten und abwarten, was passiert.
    Es wäre aber sinnvoll zu beobachten, wie die deutschen Waffen, die wir dorthin liefern, im Alltag funktionieren, damit wir unsere weltweit respektierten Produkte optimieren können.

  4. Afghanistan
    Den Krieg in Afghanistan hatte die Weltgemeinschaft schon verloren, als unsere Freiheit noch an der Grenze zu Österreich in den Alpen endete. So viele wertvollen Rohstoffe hat Afghanistan auch nicht, dass sich das noch lohnt.
    Unsere Strategie: Rückzug und die Grenzen sichern.
    Nach drei Generationen (90 Jahren), in denen nichts rein oder rausdarf, sehen wir noch einmal nach, ob etwas übrig ist, mit dem man Staat machen kann.

  5. Syrien
    (siehe Punkt 1. und 4.)
    Zum einen hat Russland zu viel Interesse an der Region und zum zweiten ist nichts mehr übrig, das einen deutschen Einsatz lohnt.
    Unsere Strategie: Rückzug und in den Nachbarländern verhindern, dass die Flüchtlinge eskalieren oder gar auf die Idee kommen, nach Deutschland reisen zu wollen.

  6. Israel - Palästina - Iran / Nord- und Südkorea / Indien - Pakistan / Türkei - Kurdistan
    Die Parteien werden sich noch viele Jahrzehnte miteinander beschäftigen.
    Eine Lösung zu finden ist aussichtslos.
    Ich schlage vor, wir beobachten und kritisieren regelmäßig scharf, denn wenn die Welt etwas braucht, dann mit Sicherheit oberlehrerhaftes Gerede von der sicheren Seite.

  7. Ausblick auf kommende Krisen
    Es gibt genau drei Schauplätze, die in Zukunft für weltweite Aufmerksamkeit sorgen werden, bevor 2052 der große Weltkrieg um Trinkwasser beginnen wird:

    1. Der Pazifik
      China hat es satt, dass die USA immer noch Gebiete vor chinesischer Küste sichern, die diese sich nach dem zweiten Weltkrieg angeeignet haben.
      Unsere Strategie: Nichts tun, denn siehe Punkt 1.

    2. Venezuela und Nachbarn
      Überall auf der Welt läßt die Weltgemeinschaft jeden Tag tausende Menschen verhungern, obwohl wir leicht etwas dagegen tun könnten, aber nirgendwo ist es so unangenehm politisch wie in Venezuela. Obwohl ein Interesse Russlands an Venezuela erkennbar ist, sollten wir uns positionieren, da unser Natopartner USA, die Drogenkartelle und der neue wahnsinnige Präsident Brasiliens keine Scheu davor zeigen, über so viele Leichen wie möglich zu gehen, um ihre Interessen durchzusetzen.
      Unsere Strategie: Sofort handeln, bevor die Sache eskaliert. Aber nicht aggressiv, sondern passiv. Währenddessen müssen wir trotzdem immer allen Beteiligten klarmachen, dass es uns nicht um die Menschen geht, sondern den Erhalt des Regenwaldes, weil wir saubere Luft haben wollen.

    3. Das Internet
      Ich weiß, auch für Sie ist das plötzliche Auftauchen des Internets Neuland, aber alle Kriege der Zukunft werden nicht um Territorien geführt (außer Russland und China, dafür verweise ich wieder auf Punkt 1.), sondern um Daten, Informationshoheit und virtuelles Kapital gehen.
      Unsere Strategie: Kaufen Sie ein paar Computer und machen Sie sich in den nächsten Jahren mit dem Unbekannten vertraut. Gegen einen geringen Aufpreis mache ich auch gerne Schulungen vor Ort, um Ihnen Weltnetz und Mausapparat zu erklären.

Ich danke für Ihr Interesse und erwarte mit großer Vorfreude, unseren Streitkräften mit meinen bescheidenen Mitteln dienen zu dürfen.

Mit freundlichem Gruß
Raphael S. Toteles

PS: Darüber hinaus möchte ich Ihnen, ebenfalls gratis und ohne, dass Sie dafür extra auf überteuerte Berater setzen müssen, die Sie nur mit stundenlangen belanglosen Powerpointpräsentationen langweilen, einen PR-Tipp geben:
Deutschland wurde das letzte mal verteidigt, als sich die letzten deutschen Faschisten gegen die Russen und US-Amerikaner wehrten.
Dieses dunkle Kapitel haben wir hinter uns gelassen. Unsere bewaffneten (ehrlicherweise im Grunde zum Großteil unbewaffneten, weil zu 90% funktionsuntüchtigen) Truppen führen Krieg. Krieg im Interesse des Kapitals, das in den Händen einiger weniger Menschen liegt und für die andauernder Krieg ein einträgliches Geschäft ist.
Sie sollten also die irreführende Bezeichnung "Verteidigungsministerium" ersetzen durch den viel treffenderen Begriff "Kriegsministerium".
Es ist zur Zeit ja auch unübersehbar populär in großen Teilen der deutschen Bevölkerung, wenn deutsche Waffen in deutschen Händen endlich wieder für deutsche Ordnung sorgen in dem gesamten weltweiten Durcheinander.
Die Menschheit wird es Ihnen danken.